EINE KLEINE ZEITGESCHICHTE zurück
LICHT- und FIGURENSPIEL


Schon immer haben Menschen versucht, die Zeit zu kontrollieren. Man teilte sie im Lauf der Sonne ein, kettete sie an eiserne Zahnräder, sperrte sie in winzige Käfige, um sie in die Tasche zu stecken.
Historische Romane lassen gar zum Schein die alten Zeiten wiederauferstehen und halten sie im Heute fest..

Doch die Zeit bleibt flüchtig, wie sehr wir uns auch sie klammern.


 
Zu diesem Thema haben wir eine 6minütige Szene für Lesungen entwickelt: eine Liebeserklärung an die Zeit, gespielt mit Licht und Lehm, und einer Figur, die so vergänglich ist, wie die Geliebte selbst.
 
 

Da ich nach Lesungen oft um den Text der kleinen Zeitgeschichte gebeten wurde, habe ich mich entschlossen, ihn hier zur Verfügung zu stellen.
Der Text ist allerdings zum privaten Nachlesen und nicht zur Veröffentlichung gedacht, es sei denn, Auszüge werden im Zusammenhang mit der Autorin Maren Winter oder dem Figurentheater Winter gebraucht. Auch die Fotos können Sie sich in
gerne in höherer Auflösung herunterladen und zum gleichen Zweck verwenden.



EINE KLEINE ZEITGESCHICHTE
- Maren Winter

Tochter des Todes,
Gezeugt von Sekunden, geboren von Stunden
Sie heilt alle Wunden, tröstet jedes Leid,
Ein Engel des Menschen, die Zeit.

Leichtfüßig begleitet sie Erd- und Himmelswesen
teilt mit ihnen Elend ebenso wie Glück,
eilt niemals voraus, bleibt niemals zurück,
denn aus dem Augenblick schafft sie Ewigkeit
der Engel des Menschen, die Zeit.

Bis eines Tages ein Schatten auf sie fiel:
Der Schatten der Liebe, voller Begehren, ein Sonnenschatten,
der sie in einem völlig anderen Licht erscheinen ließ.
„Oh Augenblick, verweile doch, du bist so schön ...“
„Warum nicht? Für ein Weilchen...“ antwortete die Zeit und gab sich hin.

Leichtfüßig begleitet sie ihren Auserwählten
teilt mit ihm Elend ebenso wie Glück,
dann fliegt sie weiter, blickt niemals zurück,
läßt ihm nur ein Stück von der Ewigkeit
die Hure des Menschen, die Zeit.

„Bleib!“
„Du kannst mich nicht halten", rief die Zeit, "wenn du das versuchst, werde ich dich um so schneller fliehen.“

„Oh doch, ich kann, zumindest kann ich dir Steine in den Weg legen.
die Steine von Stonehenge, um dich zu erkennen,
und Obelisken, Spieße, Lanzen, die auf der ganzen Welt in die Sonne ragen, um dich zu zwingen, Maß zu halten."

Erkannt und benannt im scharfen Sonnenschatten
fügt sie sich gleichmütig in ihr Geschick
eilt niemals voraus, bleibt niemals zurück,
aber in dunkler Nacht schafft sie doch Ewigkeit,
die Sehnsucht des Menschen, die Zeit.

„Du entkommst mir nicht, und wenn ich dich an das Verlöschen von Kerzen binden muss.
Deinen Eigensinn werde ich in Wasser ertränken,
deinen Trotz in Stundengläsern verrinnen lassen.
Ich sperre dich in einen eisernen Käfig und schmiede dich an Rädern und Gewichten fest.
An allen Türmen sollst du hängen wie an einem Pranger
und als mein Eigentum will ich dich in die Tasche stecken.

Tochter des Todes,
gezwängt in Sekunden, gefesselt in Stunden,
in Eisen gebunden die flüchtige Maid
Und bleibt doch nicht stehen, die Zeit.

„Wonach verlangst du eigentlich?", fragte die Zeit.
„Als du glaubtest, genug von mir zu haben,
wolltest du mich nur vertreiben, du schlugst mich sogar tot.
Nein mein Liebster, schau nicht auf die Uhr, sondern schau in den Spiegel,
wenn du unbedingt dabei zusehen möchtest,
wie die Zeit sich nun an dir vergeht."