EINE KLEINE ZEITGESCHICHTE - Maren Winter
Tochter des Todes,
Gezeugt von Sekunden, geboren von Stunden
Sie heilt alle Wunden, tröstet jedes Leid,
Ein Engel des Menschen, die Zeit.
Leichtfüßig begleitet sie Erd- und Himmelswesen
teilt mit ihnen Elend ebenso wie Glück,
eilt niemals voraus, bleibt niemals zurück,
denn aus dem Augenblick schafft sie Ewigkeit
der Engel des Menschen, die Zeit.
Bis eines Tages ein Schatten auf sie fiel:
Der Schatten der Liebe, voller Begehren, ein Sonnenschatten,
der sie in einem völlig anderen Licht erscheinen ließ.
„Oh Augenblick, verweile doch, du bist so schön ...“
„Warum nicht? Für ein Weilchen...“ antwortete die Zeit und gab sich hin.
Leichtfüßig begleitet sie ihren Auserwählten
teilt mit ihm Elend ebenso wie Glück,
dann fliegt sie weiter, blickt niemals zurück,
läßt ihm nur ein Stück von der Ewigkeit
die Hure des Menschen, die Zeit.
„Bleib!“
„Du kannst mich nicht halten", rief die Zeit, "wenn du das versuchst, werde ich dich um so schneller fliehen.“
„Oh doch, ich kann, zumindest kann ich dir Steine in den Weg legen.
die Steine von Stonehenge, um dich zu erkennen,
und Obelisken, Spieße, Lanzen, die auf der ganzen Welt in die Sonne ragen, um dich zu zwingen, Maß zu halten."
Erkannt und benannt im scharfen Sonnenschatten
fügt sie sich gleichmütig in ihr Geschick
eilt niemals voraus, bleibt niemals zurück,
aber in dunkler Nacht schafft sie doch Ewigkeit,
die Sehnsucht des Menschen, die Zeit.
„Du entkommst mir nicht, und wenn ich dich an das Verlöschen von Kerzen binden muss.
Deinen Eigensinn werde ich in Wasser ertränken,
deinen Trotz in Stundengläsern verrinnen lassen.
Ich sperre dich in einen eisernen Käfig und schmiede dich an Rädern und Gewichten fest.
An allen Türmen sollst du hängen wie an einem Pranger
und als mein Eigentum will ich dich in die Tasche stecken.
Tochter des Todes,
gezwängt in Sekunden, gefesselt in Stunden,
in Eisen gebunden die flüchtige Maid
Und bleibt doch nicht stehen, die Zeit.
„Wonach verlangst du eigentlich?", fragte die Zeit.
„Als du glaubtest, genug von mir zu haben,
wolltest du mich nur vertreiben, du schlugst mich sogar tot.
Nein mein Liebster, schau nicht auf die Uhr, sondern schau in den Spiegel,
wenn du unbedingt dabei zusehen möchtest,
wie die Zeit sich nun an dir vergeht."
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