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REZENSIONEN
Lübecker
Nachrichten
Donnerstag, 21. September 2006
"Der
Stundensammler" Die Geschichte von der eingefangenen Zeit
- von Petra Haase
Früher hatte man Zeit. Heute haben wir Uhren. Aber wie war
das früher, als man die Zeit-Messer noch nicht mit sich herumtragen
konnte? Vielleicht ein bisschen so wie auf einer kleinen einsamen
Insel in Finnland, ohne viele Termine, dem Rhythmus der Natur gehorchend.
Vier Jahre lang lebten die Puppenspieler Maren und Willi Winter
so. Und sie hatten viel Zeit sich über die Zeit Gedanken zu
machen. Als sie vor fünf Jahren zurückkamen nach Deutschland,
ins mecklenburgische Cronskamp, 15 Kilometer östlich von Lübeck
zogen, sich ihr Terminkalender zusehens füllte und sie mit
ihrem Figurentheater quer durch Deutschland zogen - da entstand
bei Maren Winter die Idee, ein Buch über die Zeit zu schreiben.
Angesiedelt ist die Geschichte Ende des 15., Anfang des 16. Jahrhunderts
und läuft auf einen Punkt hinaus, an dem sich die Kontrolle
der Zeit besonders deutlich festmachen lässt: die Erfindung
der Taschenuhr. Sie wird Peter Henlein zugeschrieben, doch so genau
lässt sich das Maren Winter zur Folge nicht belegen. Und so
strickt die Autorin eine eigene Geschichte um die Erfindung der
tragbaren Uhr. Sie handelt vom Findelkind Severin, das 1492 seine
gesamte Pflegefamilie verliert und das Massaker in einer Kirchturmuhr
überlebt. Fortan ist sein Bestreben, die Zeit zu beherrschen.
Severin macht sich in Nürnberg auf die Suche nach einem Lehrmeister,
gelangt an die Konstruktionspläne einer Taschenuhr, lernt bei
einem Schmied, bis schließlich sein Traum Wirklichkeit wird.
Nach ausführlichen Recherchen beschreibt Maren Winter sehr
anschaulich das mittelalterliche Nürnberg, das Leben in den
verschiedenen Ständen, auch mehrere handelnde Personen sind
geschichtlich belegt. Spannend lesen sich Severins Abenteuer und
seine Betrachtungen über die Zeit. Und wer fragt sich nicht
zuweilen, wo denn bloß die Zeit geblieben ist? Maren Winter
jedenfalls hat die zweijährige Schreibarbeit verändert.
"Ich versuche, nicht mehr so viele Dinge 'rauszuschieben. Und
auch das Nichtstun ohne schlechtes Gewissen zu genießen"
Doch dazu hat sie nicht viel Zeit, das nächste Buch ist bereits
in Vorbereitung. Das soll in ihrer Heimatstadt Lübeck spielen.
Hier wurde Maren Winter 1961 geboren und ließ sich am Marionettentheater
Fey ausbilden. Seit über 20 Jahren arbeitet sie als Puppenspielerin
- kein Wunder, das ihr erster Roman von Puppenspielern im Mittelalter
handelte. Die Historie beschäftigt Maren Winter auch weiter:
Ihr nächstes Buch soll im 17. Jahrhundert spielen und vom Hören,
von Lärm und Stille handeln. Der Kontrast der dörflichen
Ruhe und des Trubels während ihrer Tourneen haben sie dazu
inspiriert.
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Frankfurter Stadtkurier
Dienstag, 27. Juni 2006
Buchtipp
der Woche - von Elvira Gordon-Pusch
Der Stundensammler
Wir befinden uns in Nürnberg im Jahre 1492. Es ist die Zeit
der Rennaisance, die Zeit des Denkens und Forschens. Severin, ein
Findelkind, verliert bei einem Massaker seine Ziehfamilie. Er selbst
überlebt nur durch die Flucht in einen Kirchturm, wo er sich
in der riesigen Kirchturmuhr versteckt hält. Das eigentümliche
Geräusch der Uhr begleitet ihn sein Leben lang und weckt in
Severin den Wunsch, die Zeit einzufangen. Dieser Wunsch wird zu
einer Obsession. Er sinnt Tag und Nacht nach einer Möglichkeit,
den Tag und seine Gebräuche in Zeitabschnitte einzuteilen.
Bei einem alten Astronomen, dem er durch intelligente Fragen und
Vorschläge auffällt, lernt er, die Zeit aus den Sternen
abzulesen. Doch was passiert mit der Zeit, wenn am Himmel keine
Sterne zu sehen sind? Severin wird Lehrling bei dem Schlosser Peter
Henlein,
der geheime Konstruktionspläne für eine winzige Uhr versteckt
hält, die man bei sich tragen kann.
Maren Winter recherchierte die Geschichte des Peter Henlein, der
als Erfinder der Taschenuhr gilt. Der Roman ist prall gefüllt
mit dem Leben der damaligen Zeit; er zeigt den Glanz wie auch das
Elend der Menschen in und um Nürnberg.
Spannend geschrieben, lässt sich der Roman in einem Rutsch
lesen.
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literatur.de - Das Literaturportal
Freitag, 28. April 2006
Buch - Belletristik
Geschrieben von Birgit Erwin
Zeitlos: Der Stundensammler
Nürnberg
Anno 1492 - Der Junge Severin kennt nur ein Ziel: Er will die Zeit
zähmen und Ordnung in das Chaos seines Lebens bringen. Nach
dem grausamen Tod seiner Eltern, folgt er der alten Bettlerin Barb
nach Nürnberg, doch er erkennt bald, dass die Verwirklichung
seines vagen Traums für einen mittellosen Jungen wie ihn fast
unerreichbar ist.
Severin ist
ein Träumer, Zeit ist für ihn eine gegenstandslose Größe
ohne Bedeutung für sein Leben. Als seine ganze Familie in einer
der zahlreichen Fehden zwischen der Reichsstadt Nürnberg und
den Raubrittern der Umgebung ausgelöscht wird, wird der Wunsch,
Ordnung in das Chaos zu bringen, übermächtig. Da niemand
für den Jungen Verwendung hat, folgt er der Bettlerin Barb
nach Nürnberg, wo er sich zusammen mit ihr und ihrer Ziehtochter
Ottilie mehr schlecht als recht durchschlägt.
Erst als es
ihm gelingt, im Hause des Messermeisters Herman Henlein eine Anstellung
als Knecht zu bekommen, kommt er seinem Ziel einen Schritt näher.
Hier erlernt er das Schmiedehandwerk und ist hautnah dabei, als
Hermann und sein Bruder Peter an der Entwicklung der ersten Taschenuhr
zu arbeiten beginnen. Doch Severin bleibt von Rückschlägen
nicht verschont einer davon ist die unmögliche Liebe
zu der Ehefrau seines Herrn, der andere, schlimmere, die Wahrheit
über seine eigene Herkunft.
Maren Winters
historischer Roman um die Familie, der die Erfindung der ersten
deutschen Taschenuhr zugeschrieben wird, beginnt ungewöhnlich.
Die Schilderungen entbehren von Anfang an jeglicher Schönfärberei,
mit der Autoren so gerne ein idealisiertes Bild des Mittelalters
und der Renaissance zeichnen. Weniger exotisch als vielmehr schmutzig
erscheint die Welt, in die der durchschnittliche Träumer Severin
hineingestoßen wird.
Ähnliches
lässt sich auch über die Charaktere sagen, die allesamt
sehr lebensecht und authentisch erscheinen. Zwar bedient sich die
Autoren einer Sprache, die mit altertümlichen Ausdrücken
angereichert ist so wird von Peter Henlein als Ehewirt gesprochen,
nicht als Ehemann doch das Ergebnis ist in sich stimmig und
wirkt nie gestelzt. Dazu sind die Schilderungen von Gewalt und Elend
zu drastisch, die Figuren zu vielschichtig. Vor allem der zwiespältige
Charakter des Messerers Hermann und seine Beinahe-Liebesgeschichte
zu der Bettlerin Ottilie zieht in einen Bann von Abscheu und Faszination,
der den gesamten Roman durchzieht.
Doch nicht nur
für Freunde durchdachter Plots werden an Der Stundensammler
ihre Freude haben, auch Historienliebhaber kommen nicht zu kurz,
denn Maren Winter gelingt eine unaufdringliche Geschichtsstudie.
Sie hält sich bis auf die Figur Severins ungewöhnlich
dicht an die historischen Fakten und belegt diese überdies
in einem kurzen, übersichtlichen Anhang. Bei all den positiven
Aspekten kann man getrost darüber hinwegsehen, dass der Schluss
dann doch ein wenig zerfasert und der Roman mit einem winzigen Ausflug
in den Kitsch endet. Die vorangegangenen 470 Seiten überzeugen
dafür umso mehr.
Fazit: Ungeschönter
Einblick in den Alltag der kleinen Leute in der Renaissance.
URL: http://www.literaturnetz.com/content/view/6184/44/
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Das Netzmagazin
Nr. 142 / April 2006
Geschrieben von Marco Durrer
Auf
der Suche nach der verlorenen Zeit
Als Severins
Familie niedergemetzelt wird, steht für ihn die Zeit still.
Fortan plagt ihn das Gewissen und treibt ihn der Vorsatz, die Zeit
zu kontrollieren und nie mehr untätig verstreichen zu lassen.
Und was würde ihm hierbei besser helfen als die Taschenuhr?
Ganz im Stile
des traditionellen Entwicklungsromans erzählt Maren Winter
den Werdegang des Findelkindes Severin, das nach dem Tod seiner
Familie von einer Bettlerin aufgenommen wird und sich im Nürnberg
des beginnenden 15. Jahrhunderts durch einen harten Alltag zu schlagen
hat.
Der unbändige
Wunsch nach Kontrolle über die Zeit
Traumatisiert von seinem Versäumnis, der Familie zu Hilfe geeilt
zu sein, beisst sich in Severin der Vorsatz fest, dass die Zeit
nie mehr ohne ihn verrinnen sollte. Mit der schicksalhaften Begegnung
mit einem greisen Astronomen, der die Zeit anhand der Sonne und
den Planetenbahnen berechnet, reift der Wunsch in ihm, die nach
dessen Ableben hinterlassenen Pläne zu verwirklichen und eine
winzig kleine, tragbare und von den Sternen unabhängige Uhr
zu erschaffen, womit er die Zeit immer mit sich würde tragen
können. ("Ohne eine solche Uhr laufen alle Tage gestaltlos
um mich herum und lassen sich nicht halten.") Schliesslich
findet er als Gehilfe im Haus des talentierten Messerers Herman
Henlein und dessen Bruders Peter Unterschlupf und schroffe Geborgenheit,
und kommt durch das Erlernen der Schmiedekunst seinem Ziel Schritt
für Schritt näher. Bis zur Verwirklichung seiner anspruchsvollen
Idee muss er aber noch so manchen Rückschlag geduldig hinnehmen
und etliche Abenteuer, die der mittelalterliche Alltag bereithält,
überstehen.
Gefundener Vater,
verlorene Liebe
So wird zum Beispiel Peter unverhofft zum Mitschuldigen am Tod seines
Meisters und Herman zum verräterischen Verbündeten mit
dem Feind. Ausserdem verliebt sich Severin in die liebliche Kungund,
die aber eigentlich Peter versprochen ist. Im weiteren Verlauf drängt
sich immer klarer eine geheimnisvolle Vergangenheit auf, die Geschichte
beginnt sich zu verdichten und alle Handlungsfäden laufen zusammen
in der Gestalt der alten Bettlerin Barb, mit der Severin in stetem
Kontakt bleibt. Als Barbs zweites Ziehkind und Severins beste Freundin
Ottilie einem Gewaltverbrechen zum Opfer fällt, eskaliert die
Lage, die unter den Protagonisten aufgebaute Spannung entlädt
sich und so manch ein Geheimnis tritt ans Licht. So kommt Severin
letztendlich unverhofft zu einem leibhaftigen Vater, den er aber
durch dessen perverse Neigungen und eine grausame Wiederholungstat
schnell wieder verliert. Was als beklemmende Beschreibung des unglücklichen
Schicksals eines kleinen Jungen zu mittelalterlichen Zeiten beginnt,
entwickelt sich gegen Schluss zu einem regelrechten Krimi mit einigen
überraschenden Wendungen.
Es ist beeindruckend,
wie Maren Winter um wenige Fakten herum eine fiktive, aber glaubwürdige
Geschichte spinnt, die sich zuletzt als geschickte Verwebung von
epischem Entwicklungsroman und Krimi entpuppt. Auch wenn böse
Zungen behaupten, dass historischen Romanen bisweilen literarische
Fertigkeiten abgehen, so gelingt es Winter mit einer einfachen,
aber besonnenen Sprache das mittelalterliche Nürnberg aufleben
zu lassen und mit sporadisch den Figuren in die Münder gelegten
philosophischen Ausführungen zum Begriff der Zeit auch geistesgeschichtlich
spannende Ansätze anzubringen. Alles in allem ein sehr bildhafter
und erfreulich einnehmender Entwurf einer Möglichkeit der Geschichte,
die hinter der Erfindung der guten alten Taschenuhr stecken könnte.
URL: http://www.netzmagazin.ch/142/lesen/317.html
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