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Leseprobe
Der Stundensammler
Ein historisches Epos über den Ursprung der Neuzeit
PROLOG
Severin
wurde zur Unzeit geboren.
Das Jahr hatte sich soeben vollendet und das nächste noch nicht
begonnen.
Genau zwischen Tag und Nacht, im Wechsel der Sternbilder, als die
Erde für einen Augenblick stillstehen wollte, krümmte
sich eine kleine Bettelmaid verborgen im Röhricht und biss
auf ein Bündel Segge, damit man ihren Wehenschrei nicht hörte.
In jenem Moment glitt Severin aus dem Mutterleib und fiel zwischen
die jungen Spitzen des Rohrkolbens, die wie Lanzen aus dem Uferschlamm
staken.
Das Wasser des Dutzenteiches begann gerade zu gefrieren. Myriaden
von winzigen Eissplittern schaukelten auf den kleinen Wellen, rieben
sich aneinander und rieben die Schilfhalme wund, sodass sich ein
feines Sirren über dem ganzen Ufer erhob.
Lais kippte vornüber auf die Knie. Sie stützte sich in
den Morast und tastete nach Messer und Faden in ihrer Manteltasche.
Mit steifen Fingern band sie die Nabelschnur ab. Wie sie es bei
Nachbarinnen gesehen hatte, versuchte sie dann die Fessel zu durchtrennen.
Sie brauchte mehrere Schnitte dazu. Ihre Haut war nass von Schweiß
und Tränen, und der schneidende Wind machte ihren Körper
fast empfindungslos. Mit einer mechanischen Bewegung strich sie
sich Unterrock und Wollkleid über die Schenkel und zog den
abgewetzten Mantel fest um ihre Schultern. Befremdet starrte sie
auf das dampfende Häuflein Leben unter sich.
Wie groß der Knabe schon aussah, und weißlich, wie die
Larve einer Drohne, die nach Honig verlangte, um nichts weiter zu
tun als zu wachsen. Selbst sein erster Laut war fordernd gewesen.
Aber seine Augen blickten Lais einsichtsvoll und ernst von unten
an. Sollten Neugeborene nicht blaue Augen haben? Konnten sie überhaupt
schon etwas erkennen?
Schaudernd
wandte sie sich ab. Oh doch, dieser hier konnte, er starrte durch
die Seele seiner Mutter hindurch.
Aber sie wollte keine Mutter sein. Nicht jetzt! Sie war doch selbst
noch ein Kind.
Der Frost knisterte in den trockenen Halmen, und Lais blies sich
in die Hände. Gleich würde das fremde Wesen aufhören
zu strampeln. Gleich würde es ins Wasser gleiten und aus ihrem
Leben verschwinden. Sie brauchte ihm nichts anzutun, nur zu warten.
Erst spät hatte sie gemerkt, dass in ihrem Körper etwas
Ungewöhnliches vorging. Über die angeschwollenen Brüste
freute sie sich sogar, denn sie hoffte, ihren Gönner damit
zu erregen. Als sie an ihren energischen Geliebten mit der klangvollen
Stimme dachte, musste sie unwillkürlich lächeln. Jetzt
war sie wieder bereit für ihn, jetzt konnte er jederzeit nach
ihr verlangen. In den letzten Wochen hatte sie sich kaum zu ihren
Bettelplätzen getraut. Aufgefallen wäre ihm sicher nichts,
denn sie hatte ihren Bauch so fest geschnürt, dass sie nur
flach atmen konnte. Doch sie hätte ihn abweisen müssen,
und sie fürchtete sich davor, was er auf ihre Weigerung erwidern
könnte.
Aber er war nicht gekommen.
Schon lange nicht mehr.
Gleich bei ihrer ersten Begegnung hatte er ihr den Namen Lais gegeben,
nach einer begehrten Konkubine aus dem alten Griechenland, deren
Schönheit die vornehmsten Philosophen bezaubert haben sollte.
Und er hatte sie wie ein erwachsenes Weib behandelt, obwohl sie
gerade zum ersten Mal unrein geworden war. Sie ängstigte sich
ein wenig vor seiner sanft bestimmenden Art, und als sie zum ersten
Mal bei ihm liegen sollte, hatte sie lautlos geweint. Da hatte er
begonnen leise in ihr Ohr zu summen, schmeichelnd zuerst und zunehmend
heißblütiger. Sie sei zu seiner Muse ausersehen, der
Muse eines Sängers. Nun müsse sie das Ihre tun und die
verborgenen Melodien in ihm wecken. Unter seinem Gewicht war sie
sich zerbrechlich vorgekommen, aber auch wertvoll wie ein Kleinod.
Jetzt fühlte sie sich nur noch widerlich.
Energisch zog sie ihr wollenes Tuch vom Hals und rubbelte sich die
Beine trocken. Sie bemerkte, dass der Säugling ihr dabei zusah.
Wieso drehte sie sich um? Wieso schämte sie sich vor einem
Kleinkind? Tatsächlich, er beobachtete sie lag im Dreck,
glotzte sie an und forderte, dass sie ihn in die Arme schließen
sollte. Reichte es nicht, dass er sie über Monate aufgezehrt
und geschwächt hatte? Seit er sich in ihrem Körper eingenistet
hatte, entglitten ihr all die wunderbaren Pläne. Es war gewiss
nur seine Schuld, dass ihr Gönner sie seit Wochen nicht mehr
begehrt hatte.
Lais wusste, dass ein Handwerker sich nie mit einer Bettelmaid vermählen
würde, aber sie träumte trotzdem davon. Zumindest als
Magd konnte er sie nehmen. Doch erst musste er Meister werden, ein
eigenes Haus kaufen, selbst Herr über seine Entscheidungen
sein
Lais würde warten.
Allmählich kehrte Leben in ihren Leib zurück. Sie fror
und konnte ihre schlotternden Glieder nicht mehr ruhig halten. Sogar
in der Kälte nahm sie den Gestank der Gerber und Lederer wahr,
die sich an der Flussmündung angesiedelt hatten. Es war wirklich
an der Zeit, diesen abscheulichen Ort zu verlassen.
Lais stemmte sich hoch. Doch sie zögerte, dem fremden Balg
den Rücken zuzudrehen, sie konnte sich nicht entschließen
zu gehen, solange er noch lebte. Bei jedem Geräusch würde
sie zusammenzucken und sich ängstlich umsehen, ob er etwa hinter
ihr hergekrochen kam.
Sie sollte ihn einfach ins Wasser werfen.
Und wenn er dann anfinge zu schreien? Wenn er zwischen den Dutzenhalmen
stecken blieb und sich weigerte unterzugehen?
»Ich will dich nicht, begreife das endlich!«, sagte
sie laut und erschrak vor dem harschen Klang ihrer Stimme.
Der Säugling schloss die Augen, und seine Bewegungen wurden
schwach.
Ein scharfer Schmerz brandete durch Lais Körper, als
würde ihr Inneres herausgerissen. Auf einmal fürchtete
sie, dass der Knabe tatsächlich sterben könnte. Bestrafte
Gott sie schon jetzt, noch bevor sie ihr Kind getötet hatte?
Lais sank auf die Knie, wickelte das Neugeborene in ihr Tuch und
wiegte sich wimmernd vor und zurück. »Vergib mir, ich
selbst bin schuld an meinem Elend, ich habe gesündigt und habe
seitdem weder eine Messe besucht, noch wurde ich von meinen Sünden
losgesprochen. Ja, ich wollte, dass er von alleine stirbt, aber
ich will nicht an seinem Tode schuldig sein.«
Als die Nachgeburt abgegangen war, ließ der Schmerz allmählich
nach. Lais fühlte sich elend, und ihre Beine drückten
schwer in den Uferschlamm. Der bloße Gedanke, sich zu erheben,
erfüllte sie mit tiefer Niedergeschlagenheit, viel weniger
konnte sie sich vorstellen, wieder auf den Markt zu müssen,
den Blicken der Bürger preisgegeben, rempelnden Kerlen auszuweichen
und sich unter den anderen Bettlern einen Platz zu behaupten. Herrgott,
und das alles mit einem Säugling im Arm!
Sie dachte an die steinernen Figuren am Kirchenportal, unter dem
sie manchmal um Almosen bat. Dort warteten sie schon, schnitten
Grimassen und reckten spitze Forken nach ihr, begierig, die sündige
Maid ins Fegefeuer zu stoßen.
Am liebsten wäre sie im Röhricht liegen geblieben, um
sich der Erschöpfung hinzugeben. Das wäre das Beste. Erfrieren
sollte ein schöner Tod sein. Doch dieses Bett war grausam,
die Schilfstoppeln stachen, und der kalte Morast erstarrte allmählich
zu schartigem Eis.
Gelassen wanderte der Mond in den Steinbock, und aus der Ferne hallten
die Hörner der Nachtwächter. Vereinzelte Schneeflocken
sanken lautlos in den schwarzen Weiher.
Matt schlich Lais der Stadt entgegen.
Die Tore waren geschlossen, und kein Torsperrer hätte sich
des Nachts überreden lassen, sie wieder zu öffnen. Auch
die Fallgitter an der Pegnitzmündung hatten sie natürlich
herabgelassen. Ohne den unförmigen Bauch fiel es Lais wesentlich
leichter, sich am ausgespülten Ufer daran vorbeizudrücken.
Die braven Bürger lagen längst in ihren Betten und träumten
davon, was das neue Jahr wohl für sie bereithalten mochte.
Lais verkrampfte sich bei dem Gedanken an das Neujahrsgeschenk,
welches sie selbst nach Hause brachte. Wie waidwundes Wild stahl
sie sich durch die leeren Gassen, immer wieder verhaltend und horchend,
um nicht einem der Nachtwächter in die Arme zu laufen. Endlich
öffnete sie das Tor eines stattlichen Fachwerkhauses, huschte
durch den langgezogenen Hof und blieb vor einer Baracke stehen.
»Du hast es also überlebt«, sagte eine Frauenstimme
aus dem Dunkel. »Der Bastard auch?«
I.
KAPITEL
Im Schutz des Waldsaumes saß Severin auf einem Baumstamm und
zählte. Von Weitem hätte man den stämmigen Elfjährigen
für einen Halbwüchsigen halten können, und auch er
selbst kam sich bedeutender vor als sonst. Wenn er alle seine Finger
umgeklappt hatte, schob er mit dem Fuß einen Zweig zurecht.
Danach zählte er die Zweige und die übrigen eingeklappten
Finger.
Vierundzwanzig.
Eine schöne Zahl, denn sie bedeutete, dass alle Schafe lebten
und keines verloren gegangen war. Das zuletzt gezählte löste
diese Erleichterung aus, das letzte war etwas Besonderes. Sobald
man den Schafen Namen gab, verschwand diese Art von Besonderheit,
und die Tiere verloren das Verhältnis zur Herde. Mit eigenem
Namen wurden sie zu Einzelwesen und dadurch sicher sehr einsam.
Manchmal wünschte er sich, unter den Geschwistern der siebente
zu sein und nicht bloß Severin. Doch seine Familie scherte
sich nicht um Zahlen, ebenso wenig, wie die wollige Schar, die sich
über die ganze Länge des Tales verteilt hatte. Manchmal
hoben die Schafe unschlüssig ihre Köpfe oder blökten,
weil es bereits dämmerte und sie gewohnt waren, um diese Zeit
nach Hause getrieben zu werden. Doch ihr umsichtiger Hirte saß
stramm auf einem umgestürzten Baum und bedachte jedes von ihnen
gewissenhaft mit einer Ziffer, welche es von allen anderen unterschied
und ihm zudem einen Platz in der Gemeinschaft zusicherte. So tat
es auch Gott mit den Sternen.
Es war das erste Mal, dass Severin alleine hütete. Er hatte
eine sichere Weide dafür gewählt. Am Hang im Westen erhob
sich der Wald mit dichtem Unterholz, und auf der anderen Seite wand
sich ein Bach durch die Wiese. Das Frühjahrswasser stand hoch,
keins der Schafe würde versuchen darüber zu springen.
Der Bursche kniff die Augen zusammen, um die entfernteren Tiere
vom Buschwerk zu unterscheiden. Sie sahen inzwischen wie große
Findlinge aus, die ein Riese über die Weide gekullert hatte.
Bei Einbruch der Dunkelheit mussten sie zurück sein. Auf keinen
Fall früher, der Vater hatte mit Prügel gedroht, wenn
die Tiere nicht genügend fraßen. Für den Weg brauchte
er vierzehn Paternoster, das hatte er abgezählt. Aber wie sollte
er es anstellen, dass es genau dann finster wurde, wenn er zu Hause
ankam? Der Himmel hatte schon den ganzen Tag gleichmäßig
grau gewirkt, mal bleich, mal stumpf, unmöglich, den Sonnenstand
zu bestimmen. Nur sein Magen beteuerte, dass es Zeit fürs Abendessen
sei, allerdings hatte er das schon den ganzen Tag behauptet. Im
Gegensatz zu seinen Geschwistern wurde Severin kurz nach dem Frühmahl
wieder hungrig. Er wuchs eben schneller als die anderen, daran konnte
er nichts ändern.
Severin beschloss, noch etwas auszuharren. Es tat wohl, endlich
eine Arbeit zu tun, die für seine Familie lebenswichtig war.
Vielleicht würde seine Mutter ihm heute Abend Honig in die
Grütze rühren, und vielleicht würde der Vater ihm
sogar lobend über den Kopf streichen. Bisher war ja alles gut
gegangen, kein Fuchs, kein Wolf und kein verirrtes Lämmchen.
Fast wünschte er sich, einem Dieb zu begegnen, den er in die
Flucht schlagen konnte. Die Ringkämpfe mit seinen älteren
Brüdern gewann er schließlich regelmäßig durch
sein größeres Gewicht und weil er die Schläge kommen
sah, bevor sein Gegner überhaupt daran dachte.
Er bewegte seine nackten Zehen im Gras, es fühlte sich feucht
und ziemlich kalt an. Schnell zog er die Knie hoch und strich sich
den Kittel bis über die Füße. Die Schafe waren zu
beneiden, sie trugen weiche Wollmäntel.
Mittlerweile konnte er die Tiere nur noch schemenhaft ausmachen,
selbst, wenn er die Lider zusammenkniff und seine Augenwinkel mit
den Fingern etwas nach außen zog. Er rutschte vom Baumstamm
und ging ein Stück in Richtung Waldsaum. Hier war es schon
richtig finster.
»Kume, kum!«, rief er und klatschte in die Hände.
Wollige Schatten trabten ihm entgegen, hüpften unruhig durcheinander,
rempelten und blökten. »Nicht so schnell.« Severin
wedelte mit den Armen, damit sie ihn in der Düsternis besser
erkennen sollten. »Wartet, nicht da entlang!« Normalerweise
fanden sie den Weg von selbst, man musste nur darauf achten, dass
sie nicht in die eben grünenden Felder liefen.
Zwei Tiere brachen seitlich aus.
»Halt! Kommt zurück!«, schrie er, mit dem Ergebnis,
dass die anderen auseinander stoben. Severin lief hinterher, über
Steine und Kuhlen, lockte und trieb, sprang nach rechts, nach links,
rannte zurück
Er stolperte im Dunklen und schürfte
sich die Knie auf. Doch was bedeutete das schon, er musste sie nach
Hause bringen alle!
Nach und nach gelang es ihm, die aufgeregten Tiere zur Biegung des
Baches zu drängen. Mit ausgebreiteten Armen stand er vor ihnen.
Seine Muskeln zitterten. »Ruhig, ganz ruhig, meine Guten.«
Entwischen konnten sie nicht mehr, sie wimmelten ängstlich
durcheinander, und manche versuchten, sich über die Rücken
ihrer Artgenossen vor ihm zu retten.
»Beruhigt euch, bitte, ich bin es doch nur«, keuchte
er.
Plötzlich ein klatschendes Geräusch im Wasser und direkt
danach der Angstruf eines Schafes.
Severins erster Impuls war, hinterherzuspringen.
Seine Bewegung hatte die anderen Tiere erschreckt. Schon blökten
sie furchtsam und wichen vor ihm zurück. Er erstarrte sogleich
und hob vorsichtig wieder die Arme. Er durfte sie nicht erneut verstören,
nicht ein weiteres in den Fluss treiben.
Verzweifelt schloss er die Augen und versuchte, die schrillen Laute
zu überhören, die einer menschlichen Stimme so ähnlich
waren. Rasch und gleichmäßig entfernten sich die Schreie.
Die Wiese verschwamm hinter einem Tränenschleier. Mechanisch
lenkte er seine Herde fort vom Bach, durch das Erlenwäldchen
auf den aufgeweichten Feldweg. Ein Käuzchen rief ihm Unheil
hinterher. Aber es mahnte zu spät, es hätte rufen sollen,
als es Zeit für den Rücktrieb war. Dunkel gurgelte das
Wasser, und die Angstlaute hallten immer noch in seinen Ohren nach.
Es war ein freundliches Schaf gewesen, vielleicht hätte es
bald ein Lamm zur Welt gebracht.
Er führte die Tiere in den Stall und schloss sorgfältig
die Tür. Die wenigen Schritte bis zur Schwelle des niedrigen
Fachwerkhauses kamen ihm unendlich vor. Letztes Jahr hatte der Vater
die Fensteröffnung mit ölgetränktem Papier verschlossen,
und Severin konnte im Flackerlicht den Schattenriss des Männerrückens
erkennen. Er wischte sich mit dem Ärmel übers Gesicht,
atmete tief ein und öffnete die Tür. Alle Köpfe hoben
sich, und seine Mutter riss die Augen auf. »Ach, du liebe
Zeit, was ist mit deinen Kleidern geschehen? Hast du dich im Schlamm
gewälzt?«
Mit einer Handbewegung brachte Georg Geiss sein Weib zum Schweigen
und erhob sich. Er stand immer mit etwas vorgerecktem Kopf im Haus,
da sein störrisches Haar sonst die Deckenbalken streifte. »Du
kommst zu spät.«
Der Junge schloss die Tür hinter sich, senkte den Blick und
machte einen Schritt auf den Vater zu. »Ich habe ein Schaf
verloren.«
Die flache Hand traf ihn so heftig ins Gesicht, dass er zur Seite
taumelte. Bevor er stürzte, riss der Vater ihn am Arm zurück
und schleuderte ihn gegen die Wand. Severin krümmte sich und
versuchte so gut wie möglich seinen Kopf zu schützen.
Er wusste, dass der Vater seine Wut austoben musste, bevor er irgendeine
Erklärung aufnehmen konnte.
»Ahnst du überhaupt, was ein Schaf bedeutet?« Der
Hieb donnerte auf Severins Schulter. »Käse und Fleisch
für Monate.« Die nächsten trafen seinen Rücken
und die Arme. »Du meinst wohl, deine Kleider wüchsen
in der Truhe?« Wieder schlug der Vater zu. Aber die Wucht
schien etwas schwächer geworden zu sein, und Severin wagte
einen scheuen Blick.
»Sieh mich nicht an, verdammt noch mal.« Schwer atmend
stand Georg Geiss über ihm.
Rasch senkte Severin den Kopf und flüsterte: »Es tut
mir Leid, das Schaf ist in den Bach gesprungen. Ich konnte es nicht
retten, sonst wären mir die anderen davongelaufen. Es wird
nie wieder vorkommen.«
»Das wird es bestimmt nicht. Morgen geht Hanns auf die Weide.
Ich habe wirklich keine Ahnung mehr, wozu man dich gebrauchen kann.
Aber glaube nicht, dass du ungeschoren davonkommst. Diesmal wirst
du deine Schuld bezahlen. Du wirst weder Milch noch Fleisch, noch
Käse anrühren, bis das Tier abgegolten ist.«
»Ja, Vater.« Severin rappelte sich auf und schlich in
geduckter Haltung an ihm vorbei zur Leiter, die in die Dachkammer
hinaufführte. Auf den Strohsäcken kroch er in den hintersten
Winkel. Die Schulter tat ihm weh, und sein Kiefer pochte. Seine
Unterlippe schwoll dick an und schmeckte nach Blut. Halb auf dem
Bauch war die Lage am erträglichsten. Alle Wolldecken zog er
über sich. Bis seine Geschwister sich zu ihm gesellten, brauchte
er wenigstens nicht zu frieren.
Nun würde Vierundzwanzig nur noch Dreiundzwanzig sein.
Nie wieder würde das letzte Schaf Erleichterung auslösen,
sondern im Gegenteil, es würde den Verlust jedes Mal erneut
heraufbeschwören.
Unten kam das Gespräch nur zögernd in Gang.
Gleichmäßig surrte die Spindel der Mutter. »Du
hättest ihn damals nicht anschleppen sollen, Georg«,
sagte sie. »Ich wusste von Anfang an, dass er eigentümlich
ist.«
»Das Geld fandest du damals nicht eigentümlich«,
brummte ihr Gemahl.
Das Geräusch der Spindel stockte. »Georg Geiss! Du allein
hast die Entscheidung getroffen, wie hätte ich als dein Eheweib
auch nur den leisesten Einwand erheben dürfen. Trotzdem war
es ein schlechter Zeitpunkt, einen weiteren Esser ins Haus zu bringen.
Gott hat schon gewusst, warum er unser siebtes Kind direkt zu sich
in den Himmel holte. Da kommst du einfach mit einem neuen Schreihals
daher, und dann noch mit einem solchen Brocken. Sieh ihn dir an,
du hast uns einen fetten Kuckuck ins Nest gesetzt. Die paar Heller
des Nürnbergers hatte der Junge im Handumdrehen verzehrt, nur
leider ist sein Hunger damit nicht gestillt. Statt etwas zu schaffen,
träumt er vor sich hin und frisst für drei. Du musst ihn
besser anleiten, damit er nützlich wird, wie ich es mit den
Mädchen schließlich auch tue.«
Der Vater knurrte etwas Unverständliches.
Hanns meinte: »Ich kann ihn ja morgen mitnehmen und ihm noch
einmal alles zeigen. Er gibt sich Mühe, aber er ist nun mal
der Jüngste.«
Sein älterer Bruder Matthes lachte auf. »Du warst in
seinem Alter wesentlich mickriger, und trotzdem hat dich niemand
für zu jung gehalten. Nein, du bist nicht erst mitten in der
Nacht von der Weide gekommen.«
Anna kicherte. »Für heimliches Zuspätkommen ist
ja auch unser Matthes zuständig, besonders am Samstag, nicht
wahr?«
Wieder erstarb das Geräusch der Spindel, und die Mutter fragte
drohend: »Was soll das heißen, Matthes? Wo warst du
am Samstag?«
Severin verlagerte vorsichtig sein Gewicht. Morgen früh, wenn
er weder Milch noch Käse zum Frühmahl erhielt, würden
sie sich sogleich an das Unglück erinnern. Am nächsten
Morgen wieder, und so fort, bis sie irgendwann bereits mit dem Gedanken
erwachten, dass Severin ein Schaf auf dem Gewissen hatte.
Wie lange mochte es wohl dauern, bis so ein Tier bezahlt war? Wochen,
Monate, Jahre? Alles unüberschaubare Ewigkeiten.
Sein Magen zog sich zusammen. Im Moment hätte er sich gerne
mit dem härtesten Brotkanten zufrieden gegeben. Er liebte seine
Eltern, auch jetzt. Aber er wusste nie genau, was sie für ihn
empfanden. Schon oft hatte er aus kleinen Äußerungen
geschlossen, dass er nicht ganz dazugehörte, dass er anders
in die Familie geraten war als seine Geschwister. Er würde
sie danach fragen später, wenn das Schaf vergessen war.
Unter der Decke faltete er die Hände und betete, dass Gott
die Zeit bis dahin möglichst schnell vergehen lassen sollte.
Die Geschwister kletterten die Leiter herauf, balgten sich um die
Decken und schoben sich auf den Strohsäcken zurecht. Severin
drehte den Kopf zur Wand, sie mochten nicht, wenn er sie ansah,
während sie schliefen.
Anna drängte sich dicht an ihn und strich ihm über den
Rücken. »Wieso musste das dumme Schaf nur in den Fluss
springen?«, flüsterte sie.
»Ich glaube, es hatte Angst im Dunkeln.«
»Severin, du hättest einfach losgehen müssen, bevor
es dunkel war.«
»Wann denn? Die Dunkelheit kommt doch jedes Mal anders. Wenn
es stürmt, ist sie ganz plötzlich da, und manchmal, bei
Vollmond, bleibt es einfach hell, sodass ich mitten in der Nacht
noch meinen Schatten sehen kann.«
»Oje, sag das bloß nicht Vater. Du bist komisch, Severin.
Du kannst zeichnen und weiter rechnen, als du Finger hast. Du findest
sogar die Abstände für Radspeichen heraus, aber dass die
Zeit immer gleichmäßig vergeht, verstehst du nicht. Dabei
ist es ganz leicht, sogar die dummen Schafe wissen das. In der Dämmerung,
wenn sie nach Hause wollen, sehen ihre Augen nämlich rund aus.«
Severin setzte sich auf. »Stimmt das?«
Anna zog ihn aufs Lager und spielte in seinen Locken. Plötzlich
gluckste sie: »Und du siehst in der Dämmerung wie ein
Mädchen aus, zumindest von hinten und wenn du bis auf die Haare
vollkommen zugedeckt bist.«
Severin gab ihr einen Rippenstoß und lächelte, soweit
es seine geschwollene Lippe zuließ.
Sein Vater blieb unversöhnlich und vertraute ihm die Herde
nicht mehr an. Zum Umgraben auf dem Feld hielt er ihn aber für
fähig genug, das taten sie ohnehin gemeinsam. Der Vater gab
den Rhythmus vor, und neben ihm kämpften sich seine Söhne
rückwärts durch die nasse Erde. Trotz des kalten Windes
lief ihnen bald der Schweiß über die Schläfen. Ihre
Rücken schmerzten, und an den Händen platzten Blasen auf.
Jede Schaufel, die sie hochwuchteten, kam ihnen schwerer vor als
die letzte. Sie hätten natürlich auf den Pflug aus dem
Dorf warten können, aber wenn die Felder der Nachbarn bearbeitet
waren, würde es für ihre Einsaat zu spät sein.
Als Severin immer weiter zurückblieb, nahm Hanns ihm die Schaufel
weg.
»Zählst du Regenwürmer?«, fragte er. »So
werden wir nie fertig. Sieh her! Wenn du in den Acker stößt,
ist dein Körper aufgerichtet. Dann fährst du mit einer
Hand nach unten, nah an das Schaufelblatt und hältst nur fest.
Mit der anderen Hand drückst du oben auf den Stiel und hebst
die Erde gerade so weit, dass du sie wenden kannst. Du brauchst
die Erde nicht jedes Mal hoch in die Luft zu werfen und zuzusehen,
wie sie hinunterprasselt.«
Severin gehorchte, doch die Freude an der Arbeit war ihm verdorben.
Dumpf wie seine Brüder beugte er sich der Scholle zu, verlor
jedes Gefühl in seinem Leib, hörte die Vögel nicht
mehr und achtete nicht auf das schmatzende Geräusch, welches
der Acker von sich gab, wenn ihm die feuchten Klumpen entrissen
wurden.
Als er endlich aufblickte, hatte er die anderen weit hinter sich
gelassen.
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