DAS LIED DES GLOCKENSPIELERS zurück
INHALT

Während um 1665 die Macht der Hanse allmählich erlischt, strebt die Kirchenmusik in Lübeck ihrer Blütezeit entgegen.
Liron Dulzian, Musikant und leidenschaftlicher Zuhörer, träumt von einer Anstellung in der Lübecker Marienkirche, denn er liebt die Musik und in der dortigen Orgel scheinen alle Laute der Schöpfung verborgen zu sein. Zudem schwingt hoch in den Gewölben ein Glockenspiel, das Melodien über die ganze Stadt erschallen lassen kann. 
Sein Traum rückt in erreichbare Nähe, als er dem Kaufmannssohn Thiedemann von Kortholt begegnet. Die Kortholts sind mit dem Organisten gut bekannt. Thiedemann spielt gelegentlich Konzerte und sein betuchter Vater Görgen kontrolliert als Ratsmitglied die Kirchenausgaben. So setzt Liron alles daran, sich der Familie anzunähern.

Eine Möglichkeit dazu findet er in Cäcilie, Thiedemanns Cousine, die seit ihrem siebten Lebensjahr nicht mehr spricht.
Manchmal gräbt sie verpuppte Schmetterlingsraupen ein und wartet darauf, dass ihnen unter der Erde Flügel wachsen. Mehr noch, sie eifert den Raupen nach und versucht sich ebenfalls mit einem Harnisch zu umgeben. Irgendwann, so hofft sie, wird sie sich gewandelt haben und als Engel in den Himmel fliegen.


Liron bietet sich an, mit dem Mädchen zu musizieren, um es aus seiner Teilnahmslosigkeit zu locken.  Im Gegenzug verschafft ihm Thiedemann eine Anstellung als Bälgetreter in St. Marien.

Zunächst fühlt Cäcilie sich gestört, und als sie Lirons Beweggründe durchschaut, verachtet sie ihn. Anderseits ist er der der Erste, der ihrem Schweigen zuhört, der Einzige, der überhaupt in Erwägung zieht, sie, die Stumme könnte etwas mitzuteilen haben. Ihre selbst gewählte Apathie gerät ins Straucheln. Zunehmend reagiert sie auf Lirons Gegenwart, und je öfter sie sich sehen, desto mehr bezaubert sie ihn.
Fasziniert forscht Liron nach Gründen für ihr Schweigen. Sie verlor ihre Stimme zeitgleich mit einem Glockenbruch in St. Marien. Damals befanden sich Thiedemann und Cäcilies Vater auf einer langen Schiffsreise. Einzig ihr Onkel, Ratsherr Görgen, der während der Abwesenheit des Seglers für die Daheimgebliebenen sorgen sollte, könnte Zeuge der Ereignisse gewesen sein. Doch der belässt es bei vagem Bedauern.

Es ist Fastnacht.
Der Mummenschanz tobt durch die Stadt. Cäcilie ängstigt sich so sehr, dass ihr ein Schreckenslaut entfährt.
Jetzt weiß Liron, dass ihre Stimme nicht gänzlich verloren ist.
Vielleicht kann er sie sie zum Klingen verführen, wenn er die passende Klangfarbe für sie findet. Jede Fidel, jedes Cembalo schwingt mit, wenn man auf bestimmte Art und Weise singt. Er beginnt, ein Musikstück zu schaffen, welches er ganz und gar auf Cäcilie abstimmen will. Thiedemann unterstützt ihn, Görgen dagegen missbilligt das Vorhaben entschieden, er möchte seine Nichte keinesfalls einem weiteren Schock ausgesetzt sehen.
Deshalb bringen sie Cäcilie heimlich in die Kirche. Sie lässt sich auf das Experiment ein und folgt ihnen tief in die Orgel hinein. Lirons Komposition zeigt Wirkung. Die Melodie dringt in ihr Gemüt und entriegelt endlich alle Schlösser.
Auf einmal singt Cäcilie mit.
Liron reißt die Hände vom Manual und lauscht verzückt ihrem Gesang, der nun ganz allein durch die hohen Gewölbehallen schwebt.
Cäcilie erschrickt vor ihrer eigenen Stimme, lang verschüttete Bilder stürzen auf sie ein - ohnmächtig sinkt sie zu Boden.

Thiedemann und Liron werden für ihren Zusammenbruch verantwortlich gemacht und aus dem Haus gewiesen.
Cäcilie spricht zwar immer noch keine Worte, aber sie schreit, um ihren Unmut kundzutun. Da die Eltern mit der Situation überfordert sind, bietet Görgen sich an, einen sicheren Hort für Cäcilie zu finden und schafft sie ins Unsinnigenhaus vor den Toren der Stadt.

Eingepfercht in einen Käfig ringt Cäcilie vergeblich um Erinnerung. Welche Schuld hat sie bloß auf sich geladen, dass sie zwischen Tobsüchtigen und Vergessenen bis zu ihrem Ende sühnen muss? Nur Lirons Lied, das manchmal vom Marienglockenspiel herüber weht, lässt sie am Leben festhalten.

Liron und Thiedemann ahnen nichts von Cäcilies Verbleib. Der Kaufmannssohn stürzt sich in ausufernde Feiern, Liron geht dem Organisten zur Hand und steigt zum Glockenspieler auf.

Wieder ist Fastnacht.
In diesem Jahr denkt sich Thiedemann eine besondere Kurzweil aus. Er lädt seine Freunde ins Unsinnigenhaus, wo seine Diener ein Gelage vorbereitet haben. Alle sind mit Kostümen und Masken ausstaffiert. Die Unterschiede verschwimmen, das Fest wird hemmungslos – bis Liron Cäcilies Stimme erkennt.

Sie befreien das Mädchen sofort. Als vorläufige Bleibe fällt ihnen Görgens Landsitz ein.
Der Onkel heißt seine Nichte so herzlich willkommen, dass Liron darum bittet, ihr Gesellschaft leisten zu dürfen. In seiner Gegenwart erholt sie sich zusehends, das Band zwischen ihnen wird enger.

Doch im gleichem Maße schwindet Görgens Gelassenheit. Während Cäcilie aufblüht, leitet der Kaufmann Lirons Untergang in die Wege ...