DAS LIED DES GLOCKENSPIELERS zurück
HINTERGRUND

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts sah die Hanse ihrem Niedergang entgegen, wodurch Lübeck als Handelsstadt erheblich an Bedeutung verlor. Die großen Geschäfte wurden inzwischen mit Amerika und Afrika gemacht, was die Ostseestädte ins Hintertreffen geraten ließ. Zudem hatte der Bau von umfangreichen Befestigungsanlagen aus dem Dreißigjährigen Krieg der Lübecker Kasse einen drückenden Schuldenberg hinterlassen.
Stadtsoldaten meuterten, weil sie über Monate keinen Sold bekommen hatten, und die Bürger richteten sich gegen ihren Rat, dessen Mitglieder sich zunehmend auf umliegende Güter zurückzogen, wo sie ein feudales Leben führten. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Im März 1665 zogen 600 bis 700 Handwerker über die Landgüter und zerstörten dort Werkstätten und Handwerksgerät.



Doch während die Macht der Hanse allmählich erlosch, strebte die Kirchenmusik in Lübeck ihrer Blütezeit entgegen. Vor allem Dieterich Buxtehude schlug ein neues Kapitel europäischer Musikgeschichte auf.
(Im Roman ist Buxthude ein Erneuerer, so nenne ich ihn Dietrich, weil dieser Vorname geläufiger ist und moderner wirkt, als die heute übliche Form Dieterich. Er selbst unterschrieb meist lateinisch oder abgekürzt, auf seiner Gedenktafel in St. Marien steht weiterhin Dietrich Buxtehude.)

Die Zeit habe ich gewählt, um einen Roman über das Zuhören und die Verführungsmacht der Musik zu schreiben.
Die Handlung ist weitgehend erfunden, lehnt sich aber an die geschichtlichen Ereignisse in Lübeck an und läuft zum Teil parallel dazu. Auch hier lösen sich bestehende Machtstrukturen auf und weichen einer neuen Sinnesart.
Neben einzelnen historisch belegten Personen wird das Geschehen vor allem von fiktiven Figuren bestimmt, welche zur Unterscheidung Nachnamen von alten Instrumenten tragen: Dulzian, Kortholt, Pommer, Zink, um nur einige zu nennen.

Das zeitweilige Rauchverbot für Soldaten ist aber tatsächlich erlassen worden und auch der Prozess gegen Trine Hildebrands hat stattgefunden. Diesen habe ich allerdings aus dramaturgischen Gründen vorgezogen. Nach den Quellen wurde sie ein Jahr nach dem Glockenbruch als Hexe verurteilt.

Da die größte Glocke eines Geläuts auch Pulsglocke genannt wird, sollte die Gloriosa von St. Marien den „Puls“ zum Romangeschehen beisteuern. Seit ihrem Bestehen musste sie ungewöhnlich oft repariert und umgegossen werden. Dabei verschwanden beträchtliche Mengen Metall, und die überlieferten Rechnungen sind teilweise eindeutig fehlerhaft.
Nach dem letzten Neuguss von Albert Benning hielt die Glocke dann weit über 200 Jahre. Erst bei der Vergeltungsbombardierung 1942 stürzte sie herunter und liegt bis heute unverändert in der Gedenkkapelle.

Wer die Gelegenheit hat, kann in St, Marien eine Führung durch das Gewölbe mitmachen und selbst in das Dach der Kathedrale steigen. Mich hat die Atmosphäre sehr beeindruckt.
Aber mehr noch inspirierten mich Erinnerungen aus Kinderzeiten. Da ich in einem Organistenhaushalt aufwuchs, haben wir Geschwister uns manchmal während der Konzertproben hinter die Orgel und in den Turm geschlichen. Ein solches Umfeld animert zu aufregenden Spielen, besonders, wenn die Phantasie durch dramatische Musik noch angestachelt wird. Einiges davon ist nun in dieses Buch eingeflossen.