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FORM
Das Erbe des Puppenspielers
Der Roman ist nach dem Treuegelöbnis gegliedert, welches Karl
der Große von jedem seiner Untertanen verlangte. Nicht nur
die Treue wird hier gefordert, sondern volle Zustimmung aus freiem
Willen, ein widersinniger Anspruch an ein erzwungenes Versprechen.
Ein solches Gelöbnis bedarf der Ehrlichkeit des Schwörenden,
es wäre sonst belanglos. Doch Meginhards Leben verläuft
anders, als die Zeilen des Schwures gemahnen.
Während der Eid von lauterem Sinn spricht, lernt der Gaukler
die Täuschung zu nutzen. Aus dem Wort zum rechten Verhalten
seinem Herrn gegenüber wird ein verzweifelter Freiheitskampf,
und dem Schutz der Heiligen kann Meginhard nach seinem Aufenthalt
im Kloster, nicht mehr vertrauen.
Er ist schon längst kein achtbarer Mann mehr, für ihn
bleiben nur noch Schleichwege, um sich zu behaupten.
Menschen sehnen sich nach Zuneigung, und die meisten setzen ihre
Möglichkeiten ein, um von ihrer Umwelt geschätzt zu werden.
Wer darüber hinaus die Gabe besitzt, die Erwartungen seines
Gegenübers zu erkennen, wird leicht zur freundlichen Lüge
verführt.
Am Beispiel eines geschickten Opportunisten, der diese Gabe beruflich
pflegt und fördert, wird der wohlmeinende Betrug ins Extreme
geführt. Er kann zwischen Schauspiel und Irreführung,
zwischen Kunst und Künstlichkeit bald nicht mehr unterscheiden,
und seine Fähigkeiten werden ihm zum unüberwindlichen
Hindernis.
Gerade in einer Zeit, da das gesprochene Wort verbindliche Bedeutung
hatte, muß jede Schwindelei wie Frevel wirken. Doch ein wirklicher
Betrüger wäre Meginhard wohl erst, wenn er sein Talent
verleugnen wollte.
Dieser Roman gleicht einem Kreisel, er beginnt mit den ersten Worten
des Bekenntnisses, und er endet damit.
Jeder, der Theater spielt, kennt das Phänomen: sobald der Anfangsschritt
getan ist, spult sich die Aufführung unausweichlich ab, einem
eigenen Kosmos gleich wieder und wieder, scheinbar unverändert,
und doch durch die Stimmung des Spielers, durch die Reaktion des
Zuschauers auch immer neu.
Selbst wenn die Figuren verpackt und zur Seite gelegt sind, harren
sie schon in ihren dunklen Kisten darauf, abermals aufzutreten,
das ist ihr einziger Sinn.
Desgleichen kann der Lebenssinn des Tokkenspielers nichts anderes
sein, als das Echo zu vernehmen, welches er bei den Menschen hervorruft,
denn dieses allein beweist ihm, dass er existiert.
Erst am
Ende seiner Geschichte vermag Meginhard, aufrichtig zu sein. Nicht
weil er sich plötzlich des "Guten" besinnt, sondern
weil die Situation es erfordert. Falls er seine Richter gewinnen
sollte, ihm zuzuhören, hat er tatsächlich noch einmal
sein ganzes Leben vor sich. Vielleicht wieder und wieder, denn Meginhard
ist auf der Bühne zu Hause und, zu seinem eigenen Bedauern,
nirgends sonst.
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